Zum Inhalt springen

Das Rätsel der fehlenden 200 ml

Warum ein 1.000-ml-Becherglas nur bis 800 ml zählt – und trotzdem nichts fehlt.
29. Oktober 2026 durch
| Noch keine Kommentare

1.000 ml bestellt – aber die Skala hört schon bei 800 ml auf? Hat die Druckmaschine früher Feierabend gemacht? Hinter den scheinbar fehlenden Millilitern steckt eine praktische Besonderheit von Laborbechergläsern. Und bei der Gelegenheit lernen wir einen Glas-Pionier aus Jena kennen.

KURZ ERKLÄRT

Auf einen Blick

  • Die aufgedruckte Skala eines Becherglases liefert nur ungefähre Volumenwerte.
  • Die letzte Teilstrichmarkierung liegt oft unter dem angegebenen Nennvolumen.
  • Ein Becherglas ist ein Arbeitsgefäß, kein präzises Volumenmessgerät.
  • Für genaues Abmessen eignen sich dafür ausgelegte Messzylinder oder Messkolben.
  • Borosilikatglas 3.3 ist besonders temperaturwechselbeständig und chemisch vergleichsweise beständig.

KAUM ZU GLAUBEN, ABER WAHR!

Das Rätsel der fehlenden 200 ml

Da steht ein stattliches 1.000-ml-Becherglas auf dem Tisch. Die Skala zeigt 200, 400, 600, 800 – und vielleicht noch 900 ml. Dann ist Schluss. Fehlt da nicht etwas?

Nein. Die Nennvolumenangabe beschreibt die Größenklasse des Gefäßes; die aufgedruckten Teilstriche sind dagegen nur eine grobe Orientierung. Je nach Bauform und Hersteller endet die Skala deshalb vor dem Nennvolumen. Ein bestimmter Abstand – etwa genau 100 ml – ist keineswegs bei allen Bechergläsern vorgeschrieben.

Warum ist das sinnvoll? Im Labor will man nicht immer nur messen. Man möchte auch rühren, Stoffe einfüllen oder Flüssigkeiten ausgießen. Ein Becher ist daher eher die vielseitige Rührschüssel des Labors als dessen Messlatte. Man denke an eine randvolle Tasse Kakao: Schon der erste Löffel sorgt für eine kleine Überschwemmung.

Merke

Die 1.000 ml auf dem Becherglas sind keine Eichmarke. Und auch die anderen Skalenteilstriche sind nur ungefähre Anhaltswerte.

Welche Größen und Bauformen es gibt, zeigt unsere Auswahl an Bechergläsern im Colloimed-Shop.

AUS DER PRAXIS

Wie kommen nun wirklich 1.000 ml ins Glas?

Wenn das Volumen genau stimmen muss, nimm einen passenden Messzylinder oder ein anderes dafür vorgesehenes Messgerät. Lies den Flüssigkeitsspiegel auf Augenhöhe ab; bei Wasser orientiert man sich gewöhnlich am tiefsten Punkt des gekrümmten Meniskus.

Für eine praktische Näherung mit reinem Wasser hilft eine Waage: Leeres Becherglas aufstellen, tarieren und Wasser zugeben. Bei etwa 20 °C wiegen 1.000 ml Wasser rund 998 g. Die Faustregel 1 g entspricht ungefähr 1 ml ist für grobe Alltagsabschätzungen in der Kolloidherstellung brauchbar, nicht für Präzisionsmessungen.

Ein einfacher Trick für das nächste Mal: Wenn du deine gewünschte Wassermenge einmal richtig abgemessen und eingefüllt hast, mach außen am Becherglas mit einem geeigneten wasserfesten Stift einen feinen Strich auf Höhe des Flüssigkeitsstands. So findest du die Füllhöhe beim nächsten Mal schnell wieder – ganz ohne erneutes Abmessen. Der Strich gilt allerdings nur für dieses Becherglas. Lies den Wasserstand auf Augenhöhe ab und achte darauf, dass noch ausreichend Platz im Glas bleibt. Nicht einfach über den letzten Skalenteilstrich hinaus extrapolieren!

Ein Liter Wasser auf der Waage

Bei ungefähr 20 °C wiegen 1.000 ml reines Wasser rund 998 g. Die Waage bietet so eine praktische Orientierung, wenn keine genaue Volumenmessung erforderlich ist.

Becherglas mit Wasser auf einer digitalen Waage mit einer Anzeige von 998 Gramm

EINE GESCHICHTE AUS JENA

Otto Schott: Als Glas mehr können sollte

Atmosphärische KI-Illustration eines Labors im 19. Jahrhundert. Sie stellt keine echte historische Aufnahme dar.

Früher war Glas in der Wissenschaft nicht immer ein verlässlicher Partner. Temperaturwechsel können Spannungen erzeugen – und plötzlich ist ein Gefäß gesprungen. Das wäre ungefähr so, als würde eine Kaffeetasse bei jedem heißen Getränk über ihre weitere Zusammenarbeit nachdenken.

Der deutsche Glastechniker Otto Schott erforschte im späten 19. Jahrhundert neue Glaszusammensetzungen und legte mit seinen Arbeiten in Jena wichtige Grundlagen für moderne technische Gläser. Borosilikatglas wurde für Laboranwendungen besonders interessant, weil es sich bei Temperaturänderungen deutlich weniger stark ausdehnt als viele gewöhnliche Glassorten.

Die Geschichte des Borosilikatglases erklärt nicht, wer die Skalierung eines Becherglases festgelegt hat: Für den angeblichen Erfinder der „fehlenden 200 ml“ gibt es keine belastbare Zuordnung. Aber sie zeigt schön, warum ein scheinbar einfaches Glasgefäß voller Technik steckt.

MATERIALWISSEN

Warum Borosilikatglas bei der Arbeit mit Kolloiden interessant ist

Borosilikatglas 3.3 ist ein technisches Glas mit niedriger Wärmeausdehnung und guter Beständigkeit gegenüber vielen wässrigen Medien. Seine glatte Oberfläche lässt sich gut reinigen. Deshalb wird es häufig als Laborgefäß eingesetzt – auch bei Arbeiten mit kolloidalen Dispersionen.

Wichtig ist die Unterscheidung: Borosilikatglas ist nicht vollkommen chemisch inert. Insbesondere unter ungünstigen chemischen Bedingungen kann auch Glas Bestandteile an die Flüssigkeit abgeben. Und allein die Wahl des Gefäßes garantiert weder eine bestimmte Partikelgröße noch eine stabile Dispersion.

Ein persönlicher Tipp

Prüfe vor der Kolloidherstellung, ob das Glas sauber, unbeschädigt und für die vorgesehene Anwendung geeignet ist. Beachte außerdem die Anleitung des verwendeten Geräts und lasse für Elektroden und Flüssigkeitsbewegung ausreichend Platz.

Bechergläser sind vor allem Arbeitsgefäße. Bei der späteren Aufbewahrung stellen sich andere Materialfragen: Mehr dazu im Beitrag Warum Colloimed keine einfachen Plastikflaschen für Kolloide verwendet.

Mehr zum Einstieg in die spannende Welt winziger Teilchen: Was sind Kolloide? Beispiele aus Alltag, Natur und Technik.

Glaswand, Ausguss und Skalierung im Detail

Die Nahaufnahme zeigt die Bauform eines Laborbecherglases. Die Milliliter-Skala dient zur Orientierung und ersetzt kein präzises Messgefäß.

Nahaufnahme eines transparenten Becherglases aus Borosilikatglas mit Ausguss und gut sichtbarer Milliliter-Skalierung

HÄUFIG GEFRAGT

Häufige Fragen zu Bechergläsern

Die Skala ist nur zur ungefähren Orientierung gedacht. Das Gefäß ist zum Arbeiten, Rühren und Umfüllen gebaut, nicht als genaues Volumenmessgerät.

Für eine grobe Schätzung vielleicht, für eine definierte Füllmenge nicht. Nutze einen geeigneten Messzylinder oder bestimme die Wassermenge näherungsweise durch Wiegen.

Nein, du musst die Wassermenge normalerweise nicht auf den einzelnen Milliliter genau treffen. Fülle ungefähr die vorgesehene Menge ein und beachte die Anleitung deines Kolloidgenerators sowie die erforderliche Eintauchtiefe der Elektroden. Bei längeren Herstellungszeiten kann durch Erwärmung auch eine kleine Menge Wasser verdunsten. Größere Abweichungen von der vorgesehenen Füllmenge solltest du dennoch vermeiden.

Nein. Die Dichte hängt unter anderem von der Temperatur ab. Bei 20 °C entsprechen 1.000 ml reinem Wasser ungefähr 998 g.

Nein. Es ist gegenüber vielen Medien vergleichsweise beständig, aber nicht unter allen Bedingungen inert. Die Eignung hängt von Medium, Temperatur und Kontaktzeit ab.

↑ Zur Inhaltsübersicht

29. Oktober 2026
Diesen Beitrag teilen
Archivieren
Anmelden , um einen Kommentar zu hinterlassen
Blutgold nach Paracelsus – Alchemie und wissenschaftliche Fakten
Was rote Goldkolloide, Laserablation und hohe Goldkonzentrationen wirklich bedeuten